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KUNSTRAUM
VINCKE - LIEPMANN
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Angela Vischer


VITA

Angela Vischer wurde in Mainz geboren. Dem Besuch des humanistischen Gymnasiums folgte ein Studium der Philologie mit den Schwerpunkten Romanistik, Vergleichende Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in Mainz, Mailand, Genf und Tübingen, wo sie mit dem M.A. abschloss.

Angela Vischer arbeitete als Übersetzerin, Dolmetscherin und Sprachdozentin, als Restauratorin von Antiquitäten, als Journalistin und Redakteurin und als Yogalehrerin.

Als Künstlerin war Angela Vischer Autodidaktin. Vielleicht war es gerade das Fehlen einer kunstakademischen Ausbildung, die sie ihre ganz eigene Technik, das „Nadelwerk“ entwickeln ließ, mit dem sie im Jahre 1999 ihr „Coming out“ hatte.

Angela Vischer lebte und arbeitete in München, Berlin und San Giorgio di Valpolicella. 

 

Es gibt Leintücher, schäbig, abgewetzt und brüchig vom vielen Benutzen, vergilbt oder völlig ausgebleicht, mit Rost- oder Schimmelflecken. Von welchen Hoffnungen und Enttäuschungen vermögen sie zu erzählen, von welcher Liebe, welcher Geburt, welchem Tod?

Es gibt auch die anderen, fast oder gar nicht benutzten. Was ist mit ihnen? War die Braut so wohlhabend, dass einige Leintücher in ihrem Schrank ein Leben lang auf ihren Einsatz warte­ten? Wurde die Familie weniger groß als erhofft? Gab es Krankheiten, welche die Familie über das Maß dezimierten? Oder war der ersehnte Bräutigam vielleicht gar nicht erst erschienen? Hatte der die Braut "sitzen" lassen auf ihrem wunderschönen Berg handgewebten Leinens? Altes Leinen flößt mir Respekt und Ehrfurcht ein. Spinnen, Flechten und Weben waren einmal heilige Handlungen, das Fadenkreuz, das uns auf unzähligen Höhlenzeichnungen begegnet, Sinnbild der Verbindung des Irdischen mit dem Göttlichen. Spinn- und Webstuben galten als Tempel der Frauen, zu denen Uneingeweihte, keinen Zutritt hatten. Viele Schicksalsfäden wurden hier gesponnen und verwoben. Die feinen Fäden, senkrecht und waagrecht miteinander verbunden, hielten sich gegenseitig und verhalfen einander zu unge­heurer Festigkeit. Den Fäden taten es die Frauen gleich: sie verwoben und verbündeten sich untereinander in der Gesellschaft, in der sie lebten, gleichzeitig waren sie eng mit ihren Ahninnen verbündet und verwoben. 
 
Ich liebe altes Leinen. Es ist mein bevorzugtes Arbeitsmaterial. Ich mag es in Händen halten. Es ist manchmal grob und störrisch, aber ebenso oft auch sanft und weich, eigentlich sogar alles auf einmal. Ich denke, es passt zu mir. Wenn ich auf Leinen oder ähnlich "lebendigen" Materialien mit Nadel und Faden oder mit Stiften Zeichen setze, begegne ich vielen Frauen und ihren Lebensgeschichten. Den namenlosen früherer Generationen, die ihre Künste inner­halb der ihnen zugestandenen Grenzen ausübten und denen, welche diese Grenzen überschritten, auch wenn sie dafür zahlen mussten.

Ich begegne auch den Frauen in meiner Familie, meiner neapolitanischen Großmutter z.B. Im frostigen Deutschland, fern ihrer sonnigen Heimat, schuf sie  wundervolle Gebilde aus Spitze, so zart, dass ich sie kaum zu berühren wage. Mit den Steinen ihres Modellbaukastens zauberte sie fantasievolle Traumstädte, in denen zu wohnen sich jeder wünschte.

Ich begegne meiner Mutter, die Dinge sieht und sichtbar macht, an denen andere Menschen achtlos vorübergehen. Auf ihren einsamen fotografischen Streifzügen entstehen Bilder voller Stille und Schönheit.

Meine Streifzüge führen mich dahin, wohin die Gedanken nicht mehr folgen können. Dort finden sich rätselhafte Zeichen, Wesen, die mir unbekannt und doch auch wieder bekannt erscheinen, ganz so als seien sie Träger verschlüs­selter Botschaften, die es zu entziffern und weiterzugeben gilt. Manchmal ent­stehen daraus Bilder, manchmal auch "nur" Gekritzel und Gestammel. Aber vielleicht ist gerade das eine angemessene Ausdrucksform angesichts all des­sen, was unbegreiflich ist und bleibt.

(Angela Vischer)